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People | 24.07.2019

"Nehmt die Kinder im Netz an die Hand"

Kinder kommen immer früher mit dem Internet in Berührung – und dieses weist mehr Gefahren auf, als Eltern oft wahrhaben wollen. Cyber-Polizist Alexander Geyrhofer hat ein Buch geschrieben, wie man Kinder davor schützen kann.

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Selfies machen, mit Freunden chatten, Online-Games spielen: Kinder sind vom Internet schon sehr früh fasziniert. Bereits 14 Prozent aller Drei- bis Fünfjährigen haben ein eigenes Smartphone. (© Shutterstock)

Bereits 14 Prozent aller Drei- bis Fünfjährigen haben ein eigenes Smartphone. Das ist jeder Siebte. Bei den Sechs- bis Zehnjährigen sind es 40 Prozent. Und bei den Elf- bis 15-Jährigen sind es – wenig erstaunlich – 90 Prozent. Kinder kommen also immer früher mit dem Internet und dessen nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch Gefahren in Berührung. „Das Wichtigste ist, dass Kinder das Internet nicht alleine kennenlernen, sondern die Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen und sie dabei begleiten“, sagt Alexander Geyrhofer. „Wir sind dabei, wenn sie zu krabbeln beginnen, das Fahrradfahren lernen und spulen mit ihnen die erforderlichen Kilometer für den L17-Führerschein ab – warum lassen wir unsere Kinder dann auf dem Datenhighway allein?“

Der Polizist aus Schörfling beschäftigt sich seit 2009 ausschließlich mit Gewalt in Verbindung mit Neuen Medien und weiß genau, wovon er spricht. Um Eltern und auch Pädagogen zu sensibilisieren, wo die digitalen Gefahren für Kinder lauern und wie man sie davor schützen kann, hat er ein Buch geschrieben, das es innerhalb von nur drei Tagen auf die Bestseller-Listen geschafft hat.

 

Fluch und Segen.

Für Geyrhofer sind Smartphones Fluch und Segen zugleich. „Ich möchte keinesfalls Panik verbreiten, denn das Internet bietet viele Chancen und Möglichkeiten“, erklärt er. „Aber unsere Kinder müssen darauf vorbereitet werden – auf seine Vorteile und auf seine Gefahren!“ Denn diese lauern nicht zwangsläufig im „Dark Net“, wo sich Kriminelle herumtreiben. Das ist lediglich die traurige Spitze des Eisbergs. Oft beginnt es ganz unauffällig und scheinbar harmlos. Darum lassen sich digitale Gefahrenquellen häufig nicht auf den ersten Blick erkennen oder sind den Eltern gar nicht bewusst. „Ich kann das nachvollziehen, weil wir von der Entwicklung überrannt worden sind“, sagt Geyrhofer. „Unsere Kinder wachsen schon damit auf, sie sind so genannte ‚Digital Natives‘. Trotzdem darf das keine Ausrede sein. Wir Erwachsene müssen uns selbst Medienkompetenz aneignen.“

 

Der Reiz des Verbotenen.

Das bedeutet in der Praxis: Möchte das Kind zum Beispiel eine App oder ein Spiel auf sein Handy laden, sollten sich Eltern im Vorfeld darüber informieren und nicht alles aus Unwissenheit erlauben oder auch verbieten. „Rigorose Verbote bewirken meist das Gegenteil und Kinder machen es heimlich hinter dem Rücken der Eltern“, erklärt der Polizist. „Alles, was verboten ist, bekommt bekanntlich einen besonderen Reiz.“ Besser ist es, mit den Kindern zu sprechen und zum Beispiel auch abzuklären, welche Fotos in sozialen Medien gepostet werden dürfen und wie viel Zeit sie mit dem Smartphone verbringen dürfen. Bis zum Alter von 14 Jahren muss man diesem Thema besondere Aufmerksamkeit schenken, da die Kinder nicht strafmündig sind. Für den Experten ist es deshalb auch kein Verletzen der Privatsphäre des Kindes, wenn Eltern bis dahin den Pin-Code des Handys kennen und hin und wieder einen Blick auf die Aktivitäten des Kindes werfen. Ab einem gewissen Alter muss man sie zudem darauf aufmerksam machen, dass Firmen so genannte Background-Checks durchführen und dabei auch die Social-Media-Seiten potenzieller Mitarbeiter anschauen. Freizügige Fotos, unpassende Profilbilder oder Videos von „lustigen“ Trinkgelagen können bei der Jobsuche dann schnell zum Hindernis werden.

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Seit 20 Jahren ermittelt Alexander Geyrhofer aus Schörfling im Internet, sieben Jahre davon für das Landeskriminalamt Oberösterreich. (© Michael Appelt)

Gefahren für Jugendliche.

Denn auch Jugendliche sind nicht vor den Gefahren des World Wide Web gefeit. Ein Stichwort in diesem Zusammenhang ist „Sexting“. Per Definition handelt es sich dabei um „private Kommunikation über sexuelle Themen per Mobile-Messaging“. So die Theorie. In der Praxis folgt nicht selten das bitterböse Erwachen, wenn die Liebe zerbricht. Dann werden Nacktfotos, die eigentlich nur für den Liebsten oder die Liebste gedacht waren, aus Rache in WhatsApp-Gruppen oder sozialen Medien veröffentlicht. „Die allermeisten Racheporno-­Op­fer sind übrigens junge Frauen“, berichtet Geyr­hofer. „Die Folgen für die Betroffenen können traumatisch sein – Schamgefühle, schwere Depressionen, Ängste, Schuldgefühle. Und natürlich sind die Opfer dadurch auch erpressbar.“ Wenn Eltern nun glauben, dass dies die eigenen Kinder niemals betreffen könne: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Initiative „Saferinternet Österreich“ hat dazu insgesamt 500 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren befragt. Das Ergebnis: Auf die Frage, ob sie jemanden kennen, der Nacktaufnahmen von sich an andere verschickt hat, antworteten 51 Prozent mit Ja. Jeder Dritte gab an, auch selbst schon einmal Nacktaufnahmen geschickt bekommen zu haben, und jeder Sechste hat selbst schon Nacktaufnahmen von sich gemacht. Bei den Burschen war außerdem fast jeder Vierte der Meinung, dass Nacktfotos zum Flirten dazugehören. Für Alexander Geyr­hofer macht es deshalb immer Sinn, Jugendliche mit Sexting und dessen möglichen Folgen zu konfrontieren.

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Buchtipp: „Kinder sicher im Internet“, Alexander Geyrhofer, Verlag edition a, € 20

DAS SOLLTEN ELTERN WISSEN

• Zögern Sie die Erlaubnis für ein Handy hinaus, solange es nur irgendwie geht! Denken Sie aber ab einem gewissen Alter daran, dass Kinder zum Außenseiter werden können, wenn sie als einzige kein Handy besitzen und somit zum Beispiel von WhatsApp-Gruppen der Schulklasse/Jugendfeuerwehr/Fußballmannschaft/etc. ausgeschlossen sind.

• Legen Sie strikte Regeln für den Umgang mit dem Smartphone fest – und zwar vor dem erstmaligen Gebrauch!

• Denken Sie daran, dass Jugendliche erst ab 14 Jahren strafmündig sind. Davor tragen Eltern die juristische Verantwortung für ihre Kinder.

• Nachts hat das Smartphone im Schlafraum nichts zu suchen. Schaffen Sie einen so genannten Handyparkplatz in der Küche/im Wohn- oder Esszimmer und vereinbaren Sie, dass das Smartphone zum Beispiel ab 19 Uhr dort zu liegen hat.

• Nehmen Sie sich selbst an der Nase und überdenken Sie Ihr eigenes Internet- oder Smartphone-­Verhalten selbstkritisch – Sie sind immer auch Vorbild für Ihre Kinder!

• Besprechen Sie den Einstieg in die Welt des Chattens ausführlich mit Ihren Kindern! Persönliche Daten, wie Name, Wohnadresse oder Schule, sollten niemals bekanntgegeben werden. Kinder müssen wissen, dass es gefährlich sein kann, mit fremden Menschen zu chatten.

• Instagram ist im Moment eine der beliebtesten Social-Media-Plattformen. Erklären Sie Ihrem Kind, dass in dieser „Welt der schönen Bilder“ die meisten Fotos inszeniert und mit Filtern bearbeitet sind. Und auch wenn die Beiträge einer Story nach 24 Stunden von selbst vom Profil verschwinden, können Screen­shots davon gemacht werden. Daher sollte man immer gut überlegen, was man veröffentlicht!

• Das Internet vergisst nichts! Ein Video oder Foto kann gar nicht so oft gelöscht werden, dass es nicht doch wieder irgendwo auftaucht und schnell aufs Neue hochgeladen werden kann. Kinder und Jugendliche können die Folgen meist nur schwer abschätzen.

• Erklären Sie Ihren Kindern, dass nicht alles, was sie im Internet finden, wahr ist – Stichwort Fake News. Lehren Sie ihnen deshalb schon früh, stets verschiedene Suchmaschinen einzusetzen. Auf der Plattform www.mimikama.at können Sie sich zusätzlich über neueste Erkenntnisse rund um Hoaxes, Fakes, kursierende Kettenbriefe usw. informieren.