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People | 15.06.2018

Schwerreich, aber todunglücklich

Tragödie. Tetra Pak-Erbin Sigrid Rausing erzählt im Buch „Desaster“ die erschütternde Geschichte der Drogensucht ihres Bruders und dessen Frau, die erst zwei Monate nach ihrem Tod gefunden wurde ...

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Sehr mutig. Sigrid Rausing erzählt nun erstmals von der bitteren Selbstzerstörung ihres Bruders. Und ihren eigenen Depressionen. © Getty Images

Beeindruckend offen und sehr mutig beschreibt Sigrid Rausing, schwedische Verlegerin von Granta Books und Portobello Books, promovierte Anthropologin, Autorin und Tetra Pak-­Erbin, in ihrem neuen, autobiografischen Buch „Desaster“ (S. Fischer Verlag) die tragische Geschichte ihres Bruders Hans Kristian und ihrer Schwägerin Eva, deren Drogensucht und den vier Kindern. Sie berichtet von unzähligen gescheiterten Entzügen und Suchtsignalen, die keiner erkannte. Zudem schildert die 56-Jährige ebenso ihre verzweifelten Versuche, zu helfen, sie gesteht eigene Ängste, ihre Hilflosigkeit, Schuldgefühle, ihre Depressionen und Therapien, nachdem sie sich selbst mit dem Messer Schnitte am Arm zugefügt hatte. Sie verrät Entführungsfantasien, um ihren eineinhalb Jahre jüngeren Bruder von all dem Gift wegzuholen. Sie spürt der Frage nach, inwieweit Suchverhalten genetisch bedingt ist, und sie erzählt, wie dieses Drama der gesamten Familie den Boden unter den Füßen wegge­zogen hat.

 

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Luxus-Junkies.Hans Kristian und Eva († 2012) Rausing: milliardenschwere Junkies. Das Foto entstand bei einer Charity 2003. © Getty Images

Medialer Wirbel. Was die ohnehin schon furchtbare Familientragödie zusätzlich verschlimmerte, war die Tatsache, dass der Drogenskandal und dessen erschreckender Ausgang für großen medialen Wirbel sorgte. Denn Eva Rausing – sie starb mit 48 Jahren an Kokainmissbrauch – wurde erst zwei Monate nach ihrem Ableben gefunden. Unter mehreren Schichten Decken, Planen und Kleidung wurde ihre Leiche im Sommer 2012 in der Londoner Stadt­villa des Ehepaars entdeckt. Hans Kristian hatte sie dort versteckt, weil er ihren Tod einfach nicht wahrhaben wollte und konnte. Der Ehemann wurde sogar wegen Mordverdacht festgenommen.

High Society. Dabei fing die Geschichte der beiden so hoffnungsvoll an. Hans Kristian und Eva, die sich während eines Entzugs in einer kalifornischen Klinik kennen und lieben lernten und 1992 heirateten, führten ein Leben, wie man es sich eigentlich nur erträumen kann. Dank der genialen Erfindung des Großvaters Ruben Rausing – er hatte in den 1950er Jahren die einfache wie großartige Idee, Flüssigkeiten in Pappkartons abzufüllen, um sie haltbar zu machen – war die Familie extrem vermögend. Auch Eva stammte aus sehr guten Verhältnissen (ihr Vater war ein wohlhabender amerikanischer Top-Manager). Ihnen stand die ganze Welt offen. Und eine Zeit lang schien auch alles in Ordnung. Ein Glamourleben mit fünfstöckigem Haus in bester Lage in London, Sommersitz auf einer Karibikinsel, Personal, Wohltätigkeitsveranstaltungen, die sie großzügig unterstützten (vor allem solche in Zusammenhang mit Drogenbekämpfung bzw. -prävention), Dinnerpartys und vier kleinen, gemeinsamen Kindern.

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Stadtvilla. Im Haus Nr. 62, Cadogan Place, im noblen Londoner Stadtteil Belgravia, wurde Eva Rausing, 48, im Juli 2012 tot gefunden. © Getty Images

Erste Signale eines Rückfalls. Anfang der 2000er Jahre häuften sich die Anzeichen eines erneuten Rückfalls. Wie schlimm es tatsächlich um das Paar stand, wurde allerdings nicht gleich ­erkannt. Es dauerte, doch nach einem weiteren Abbruch eines Entzugs von Hans Kristian schalteten sich – zum Wohl der vier Kinder – Sozialarbeiter ein. Als die Gefahr bestand, dass die Kinder auseinandergerissen werden könnten, wurden von der Familie alle Maßnahmen ergriffen, um dies zu verhindern. Nach unzähligen Anhörungen und der zweieinhalbwöchigen Gerichtsverhandlung durfte Sigrid Rausing die Kinder zu sich und ihrem Mann holen. Zumindest solange ihr Bruder und ihre Schwägerin auf Entzug gehen würden. Wenig später (2007) war jedoch klar, dass dies nicht passieren würde. Zu sehr waren Eva und Hans Kristian Rausing den harten Drogen verfallen. Ein völlig neues Leben begann also für Sigrid Rausing, Ehemann und Sohn. Ein Alltag mit nun fünf Kindern.

Hausdurchsuchung. Dass das Milliardärsehepaar starke Probleme mit Drogen hatte, schien nun für viele kein Geheimnis mehr. Und spätestens 2008 wusste die Öffentlichkeit über den ­erneuten Rückfall. Damals gab es nämlich einen Polizeieinsatz, nachdem Eva Rausing versucht hatte, in ­ihrer Handtasche Crack und Heroin zu ­einem Empfang in der US-Botschaft zu schmuggeln. Sowohl im Auto als auch in ihrer Villa wurden später weitere Drogen ­gefunden. Das Paar kam allerdings mit einer Verwarnung davon.

Unbeschwerte Kindheit. Wie tragisch diese Geschichte tatsächlich ist, führen auch all die schönen Kindheitserlebnisse der Autorin mit ihrem Bruder, zu dem sie eine innige Beziehung verband, und ihrer älteren Schwester Lisbet, einer Wissenschaftshistorikerin und Mäzenin, vor Augen. Sigrid Rausing erinnert sich in ihrem Buch an die herrliche Zeit, die sie während der Ferien bei den doch recht bodenständig gebliebenen Großeltern genossen, das gemeinsame Schwimmen im Meer, Reiten, die Idylle und die Ruhe auf dem Land. Glücklich und unbeschwert. Bis Hans Kristian Rausing im Alter von 18 die ersten Drogen nahm ...

Schreiben als Hilfe. Im Interview mit dem „Guardian“ erzählt Sigrid Rausing über ihre Erfahrungen beim Schreiben. „Ich habe nie an Katharsis geglaubt. Die Wahrheit aber ist, dass es immens reinigend war. Ich habe oft geweint.“ Und sie gesteht, nicht über alles berichtet zu haben: „Die tatsächliche Geschichte war sehr viel schlimmer und komplizierter.“

Neustart. Ihr Bruder, der übrigens seit 2014 wieder verheiratet ist (mit der Kunstexpertin Julia Delves Broughton) und clean ist, hat das Buch bisher nicht gelesen, wie Sigrid Rausing im selben Interview verrät.

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Berührend. Die intime Aufarbeitung einer Familientragödie, die zum Skandal wurde S.Fischer Verlag.