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People | 23.08.2021

Von der Trägheit in die Bewegung

Eine Folge der Pandemie: Viele Menschen haben ein paar Kilos zugelegt. Wie man wieder in Bewegung kommt und warum dabei oft ein liebevoller Blick auf den eigenen Körper hilft, erklärt Sportwissenschafter Manfred Simonitsch im Interview.

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Beim gehen nimmt man insbesondere die Natur bewusster wahr als etwa beim Laufen © Shutterstock, privat

Sie sind mittlerweile schon zum geflügelten Wort geworden: die Corona-Kilos. Im Homeoffice sitzt man ständig an der Quelle – sei es der volle Kühlschrank oder die Lade mit den Süßigkeiten. Dazu kommen die über Monate geschlossenen Fitnessstudios und Sportstätten sowie das eine oder andere Glas Alkohol mehr ob der schwierigen Gesamtsituation. Zum Trost, aus Frust oder Sorge. Wir haben mit Sportwissenschafter Manfred Simonitsch darüber gesprochen, wie man diese Kilos wieder loswerden kann – und er hat uns dabei auch verraten, wie er die aktuell geltenden drei „G“ alternativ formuliert.

OBERÖSTERREICHERIN: Viele Menschen haben seit der Pandemie ein paar Kilos mehr oder weniger zugenommen. Ist das auch etwas, das Sie in Ihrem Arbeitsalltag feststellen?

Manfred Simonitsch: Durchaus! Das hat damit zu tun, dass man aufgrund des eingeschränkten Soziallebens und der reduzierten Bewegungsfreiheit eine gewisse Trägheit erlangt hat. Der Körper folgt dieser Trägheit und im nächsten Schritt wird auch der Stoffwechsel aufgrund der schlechteren Sauerstoffversorgung langsamer. Wer ständig – zum Beispiel im Job – eine Maske tragen muss, wird das auch bemerken. Denn die Maske beeinflusst die Atmung und somit die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff ebenfalls. Ein Jahr lang weniger Bewegung macht sich auch bei unserem Bewegungsapparat bemerkbar. Er wird träge und weniger belastbar.

Dabei haben ja viele Menschen die Lust am Gehen entdeckt, weil sonst ja nicht sehr viel erlaubt war …

Das stimmt, darum habe ich auch die aktuell gültigen drei „G“ (Anm. d. Red.: geimpft, getestet, genesen) alternativ formuliert. Und zwar als Gehen, Genießen und Glauben. Jeder Mensch kann gehen, da kann man nichts falsch machen. Außerdem gibt es verschiedene Varianten des Gehens – langsam oder schnell, mit kurzen oder langen Schritten zum Beispiel. Oder man sucht sich einen bestimmten Atem- und Gang-Rhythmus, etwa drei Schritte lang einatmen, fünf Schritte lang wieder ausatmen und dabei im Geist mitzählen. Das rhythmisiert den Organismus und kommt jenem meditativen Gehen gleich, wie es  auch die Shaolin-Mönche praktizieren. Es wirkt nicht nur positiv auf den Körper, sondern auch auf die Psyche. Beim Gehen kann man wunderbar entspannen und das Bewusstsein fördern.

Und was bedeutet für Sie das zweite „G“, das Genießen? Lässt sich das mit dem Gehen verbinden?

Ich finde, dass Gehen sehr wohl auch den Genuss fördert, weil man sich dabei nicht überlastet. Man kann es Schritt für Schritt genießen – die Bewegung, das Gefühl, die Natur. All das kann man zum Beispiel bewusster wahrnehmen als etwa beim Laufen. Die Umgebung zieht langsamer an einem vorbei und man bekommt viel mehr davon mit. Dazu kommen das Sonnenlicht, die frische Luft und ein Gefühl von Lebendigkeit, das ich besonders nach dieser herausfordernden Zeit besonders wichtig finde. Wobei wir dann auch schon beim dritten „G“ sind …

... und das wäre?

Zu glauben – nämlich an sich selbst, an die Zukunft und dass es wieder gut werden darf. Es ist immer eine bewusste Entscheidung. Diese Einstellung hilft mir auch aus der eingangs erwähnten Trägheit heraus und dabei, wieder in Bewegung zu kommen. Denn sich zu bewegen, ist das Beste, was man für seinen Organismus tun kann. Dabei werden viele Botenstoffe ausgeschüttet, die wiederum ganzheitlich wirken und beim Glauben an sich selbst unterstützen. Wobei man nach diesem schwierigen Jahr nicht allzu streng mit sich selbst ins Gericht gehen und seinen Körper auch einmal liebevoll im Spiegel betrachten sollte.

 

"Sich zu bewegen ist das Beste, was man für seinen Organismus tun kann."

Mag. Manfred Simonitsch

 

Wie kann dieser liebevolle Blick auf den eigenen Körper gelingen?

Ich finde, dass man sich immer auf unterschiedliche Weise betrachten kann. Es liegt an mir, ob ich mich vor den Spiegel stelle und meine paar Kilos zu viel angewidert anschaue – oder ob ich mich wertschätzend anschaue und annehme, so wie ich jetzt bin, und mir sage, dass ich mich dennoch wohler fühle, wenn ich wieder etwas weniger auf die Waage bringe. Der nächste Schritt ist dann eine bewusste Ernährung in Kombination mit konsequenter Bewegung. Denn das Wichtigste ist Konsequenz – und diese funktioniert am besten, wenn ich etwas mache, das mir auch Freude bereitet. 

Das bedeutet, dass man sich eine Form der Bewegung suchen sollte, die einem auch Spaß macht …

Das ist für mich schon ein sehr wesentlicher Punkt, wobei es natürlich kein Garant für konsequentes Training ist. Aber die Motivation steigt, wenn mir eine Sportart auch Spaß macht. Bewegung ist so vielfältig – da findet sich für jeden etwas, das zu ihm und seiner körperlichen Verfassung passt. Das können klassische Sportarten wie Laufen oder Radfahren sein, Nordic Walking oder Schwimmen, wenn die Gelenke geschont werden müssen, oder auch Tanzen, wenn man ein bisschen mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit in sein Leben bringen möchte. Ich bin selbst ein leidenschaftlicher Tänzer, weil diese Sportart so viele positiven Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele hat. Dazu kommt die Musik, deren Wirkung man ebenfalls nicht unterschätzen sollte. Oft schadet es nicht, ein bisschen mehr durchs Leben zu tanzen (lacht). Wir sportwissenschaftlichen Berater helfen gern dabei, die passende Form der Bewegung und auch das individuelle Tempo für unsere Klienten zu finden.