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Upgrade | 28.05.2021

Wenn sich der Sand senkt

Eva Herzig kennt man von der Bühne und aus dem Fernsehen, Miriam Hie sorgte zuletzt als Kabarettistin für Furore und Lukas Johne spielt etwa bei den „Vorstadtweibern“: In Puchberg am Schneeberg machen die drei etwas komplett Neues. Theater pur.

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(© Laurent Ziegler)

Vom Burgtheater bis hin zum Musical spielt er alles und arbeitete bereits mit Regisseuren wie Robert Zemeckis und Stefan Ruzowitzky zusammen. Aufgewachsen ist Lukas Johne in Puchberg am Schneeberg.  Zum dritten Mal lädt er dort zur „Kultur. Sommerfrische“. „Ich mach‘ gern etwas, das die Leute überrascht, was man nicht erwartet“, sagt der Theatermacher, der im ersten Jahr seiner Intendanz Shakes­peare in einem Boxring stattfinden ließ. Ausgangspunkt heuer ist Aischylos‘ „Die Orestie“, ein Klassiker der griechischen Antike, in der es ganz schön zugeht: Da wird eine Tochter für den günstigen Wind für die kriegerische Schifffahrt des Vaters geopfert, weitere Tragödien sind vorprogrammiert …

 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Zum dritten Mal „Kultur. Sommerfrische“ in Puchberg. Wie kam es dazu?

Lukas Johne: Einmal war ich im Freibad und bin aus einem Impuls nicht nach rechts in Richtung nach Hause, sondern nach links abgebogen, um beim Bürgermeister anzuklopfen, ob er sich ein Theaterfestival vorstellen kann (lacht). Danach fügte sich alles schnell zusammen, weil ich in Wahrheit schon lange mit der Idee schwanger ging.

Du sprichst von einem „Anti-Sommertheater“. Was bedeutet das?

Lukas: Ich sage auch: Es ist ein Stück Avantgarde, das es aufs Land geweht hat. Es ist ein Vorurteil, wenn es heißt, Sommertheater diene ausschließlich der Unterhaltung. Ich mag es als Theatermacher, die Menschen zu fordern, den Finger in die Wunde zu legen; wir schenken dem Publikum nichts: Wir hatten schon im ersten Jahr Shakespeare auf Englisch, es ging um Rassismus, Antisemitismus und Inzest. Ich will emotional berühren. Da höre ich dann schon mal: „Ich hab‘ nicht alles verstanden, aber ich hab‘s gespürt.“ Das ist super!

Dabei baue ich alles auf drei Elemente auf: den Ort, heuer sind es der Kurpark und die Burgruine, die Schauspielerinnen bzw. Schauspieler und den Text. Wir haben kaum Technik.

 

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"Ich hab‘ Respekt vor dem klassischen Text, das ist meine erste Erfahrung dieser Art." - Miriam Hie

Ihr kombiniert den 2.500 Jahre alten Text mit je einem modernen Stück aus Lukas‘ Feder; es soll um weibliche Identität und unbewusste Rache am Patriarchat gehen. Wie blickt ihr dem entgegen?

Eva Herzig: Ich suche meine Projekte danach aus, wie ich meine Lebenszeit verbringen möchte; das ist mir wichtig. Ich hab‘ Lukas‘ Texte gelesen und fand seine Idee sofort interessant und neu.

Miriam Hie: Ich hab‘ wahnsinnigen Respekt vor dem klassischen Text, das wird meine erste Erfahrung dieser Art sein. Ich musste wegen Corona mein Comedyprogramm („Who is Hie?“, Anm.) ein bisschen ruhigstellen und war so dankbar, dass ich drehen konnte („Vienna Blood“, „Euer Ehren“, Anm.), dass sich auf einmal neue Türen geöffnet haben. In einer stand Lukas mit diesem griechischen Klassiker. Ich hab‘ immer gesagt, ich will nicht immer für dieselben Geschichten gecastet werden. Ich möchte, dass Theater divers wird, dass man nicht drauf schaut, ob sie Asiatin oder Türkin ist.

Lukas: Für mich ist es superschön, dass Mimi zugesagt hat. Diversity und Pluralism sind mein Ein und Alles.

Miriam: Allerdings schlug meine Dankbarkeit bei der zweiten Leseprobe in Panik um (lacht). Ich hab‘ mir gedacht: Bist du deppert, Mimi, wie wirst du das schaffen? Ich fühlte mich ungeübt in meinen ausgebeulten Hosen und meinem ausgebeulten Hirn; wir Künstlerinnen brauchen Inspiration von draußen! Aber ich blieb dran und es passierte der Aha-Moment: Ich war plötzlich so glücklich mit diesem großartigen, vielsagenden Text, der auf einmal so viele Parallelen zu meinem Leben geöffnet hat – zum Muttersein, zum Tochtersein, zum Frau­sein, zum Schwestersein, …

Lukas, du hast den modernen Part geschrieben und führst Regie. Wie sind die Stücke miteinander verwoben?

Lukas: Das Stück fängt am Samstag dort an, wo das Stück am Freitag aufhört. Wir beginnen jeden Abend mit
Ais­chylos‘ Text, verlassen kurz die Bühne und kommen gleich wieder; es sind dieselben Figuren, aber eine für das 21. Jahrhundert adaptierte Situation.

Zwischen Rolle und Leben: Wo sind die Herausforderungen, wo die Parallelen?

Miriam: Zum einen ist da der Konflikt mit den Eltern. Zum anderen geht es um etwas, womit ich mich auch zuvor beschäftigte: um das Ausbrechen wollen aus bzw. um das Gefangensein in Systemen. Ich erzähle in meinem Soloprogramm über das asiatische Mädchen, das sehr angepasst in Oberösterreich aufgewachsen ist. Man will sich anpassen, weil man ja geliebt und akzeptiert werden möchte, aber irgendwann merkt man, dass das nicht glücklich macht, weil man sich selbst, seine eigene Identität vergisst. Das passiert jedem, nicht nur einem Mädchen mit Migrationshintergrund.

Lukas: Ich hab‘ vier ältere Schwestern, bin elffacher Onkel und wechsle Windeln seit ich zehn Jahre alt bin. Ich bin Gleichheit auf allen Ebenen gewöhnt. Wenn es heißt, Frauen sind die Emotionalen, Männer die Rationalen, dann halte ich das für Bullshit. Wir haben alle alles in uns. In meinen modernen Texten geht es um einen Befreiungsschlag. Ich hab‘ mich gefragt, ob die Hierarchien, dieses krasse Patriarchat noch aktuell ist – und kam zum Schluss: Es ist aktuell genug, um es zu debattieren, um ein Stück zu machen.

Miriam: Das Thema Befreiungsschlag ist für mich auch in meinem Leben ein zentrales. Ich hab‘ auch vor ein paar Jahren beschlossen, aus dem Fernsehstudio rauszugehen, weil ich nicht mehr so sehr von außen bestimmt sein wollte.

Eva: Ich habe Ähnliches erlebt. Ich bin mit 19 ans Burgtheater gekommen, spielte große Rollen und kündigte trotzdem mit 25, weil ich selbst über mein Leben entscheiden wollte. Seither arbeite ich frei. Leicht ist das nicht immer, vor allem als Alleinerziehende (ihre Söhne sind zwölf und acht, Anm.). Aber ich hab‘ ein Urvertrauen ins Leben, dass es immer weiter geht, dass immer neue Türen aufgehen.

Ich habe an der Burg gespielt, an vielen anderen Bühnen und auch verschiedene Filme gedreht; diese Art von Theater, wie es Lukas macht, habe ich noch nicht erlebt – ich bin sehr dankbar für dieses Projekt. 

 

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"Ich mache gerne etwas, das die Leute überrascht, was man nicht erwartet." - Lukas Johne

Eva, du hast zuletzt viel gedreht, was magst du am Livepublikum bzw. am Sommertheater?

Ich habe bei den Salzburger Festspielen und auf der Rosenburg gespielt, es ist immer wieder anders, aber ich finde überall die Verbindung zum Publikum. Das Schöne ist, dass man sich gemeinsam auf eine Reise begibt, die man gemeinsam erfährt und die jeden Abend anders ist. Jede Vorstellung ist anders, es herrscht immer eine andere Energie, das hängt auch von den Menschen ab, die kommen; das liebe ich am Theater.

Wie haben euch die vergangenen Monate verändert?

Eva Herzig: Ich konzentriere mich auf den Moment. Du weißt nicht, wie lang dein Leben dauert, du hast es nicht im Griff. Du hast es aber im Griff, das Beste aus dem Moment zu machen, bewusst zu leben. Man kann sagen, dass es furchtbar ist, was jetzt alles nicht geht oder dankbar sein für alles, was wir haben. Was gibt es jetzt Schönes? Ich kann in den Wald gehen, mich an der Natur erfreuen. Durch die Einschränkungen kann gleichzeitig unser Bewusstsein geschärft werden; wir dürfen hinterfragen: Was ist die Wahrheit?

Miriam: Bei mir hat sich noch etwas dazugemischt: dass nämlich in der Pandemie neben Tod und Krankheit der Rassismus so entsetzlich neue Levels erreicht. Ich nutze soziale Netzwerke nicht nur für leichtfüßige Themen, sondern setze mich mit dem antiasiatischen Rassismus auseinander, der uns gerade mit nacktem Grauen entgegenkommt. Es geht mir nahe, was da passiert, was ich von meinen Verwandten reingespült bekomme und ich habe beschlossen, eine Stimme dagegen zu sein.

Lukas: Ich hab‘ früher oft gehört, dass ich wie ein Opa lebe. Ich treibe viel Sport, genieße das Essen, gehe um halb zehn mit meinen Büchern schlafen. Plötzlich musste ich feststellen: Krass, die Leute sind jetzt gezwungen so zu leben, wie ich es seit Jahren tue (lacht).  Wenn sich der aufgewirbelte Sand senkt, wenn das Wasser klar wird, sieht man, was wirklich wichtig ist: Heute lechzen die Leute nach Kultur und Natur, nach Umarmungen. Diese Simplicity war immer meines, wie beim Theatermachen: Ort, Schauspieler, Text – das war‘s. Diese Einfachheit ist der Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft, zum extremen Entertainment.

 

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"Das Schöne ist, sich mit dem Publikum auf eine Reise zu begeben, die man gemeinsam erfährt." - Eva Herzig

Festival in Puchberg

„Kultur. Sommerfrische. Puchberg am Schneeberg“ findet von 4. bis 27. Juni statt: mit „Die Orestie. Ein Show-Talk in zwei Teilen“ nach Aischylos kombiniert mit modernen Texten des Theatermachers Lukas Johne. Er steht selbst auf der Bühne: jeweils an Freitagen mit Miriam Hie (Teil I: „Identität“) und an Samstagen mit Eva Herzig (Teil II: „Rache“). Die Abende können getrennt oder kombiniert genossen werden.

https://kultursommerfrische.com